SELTSAME TAGE

 

 

Was waren das noch für seltsame Tage als meine Schuhe blaue Sprenkel hatten. Winzige Farbtropfen, gespritzt von einer Farbrolle – und das, obwohl meine Füße unter dem Tisch waren als ich die Farbe mit der Rolle über eine Plexiglasplatte zu streichen versuchte.

 

 

Diese seltsamen Tage waren damals für mich bestimmt.

 

 

Was waren das für seltsame Tage als jede freie Stunde an den Drucken gearbeitet wurde. Euphorisch, denn diese freien Stunden konnten nur wahrgenommen werden nach der Hände Tagwerk. Der Familie, den Kindern, dem Haus und der Arbeit wurden diese Stunden abgepresst und abgerungen – im Rausch gearbeitet, wissend der Rückkehr ins Alltägliche.

 

Jetzt geht es nicht mehr. Wie vermisse ich diese seltsamen Tage, die seltene und wundersame Tage waren.

 

Was waren das für seltsame Tage als ich diese Trennung von gewohntem Leben und der Arbeit an der Kunst gar nicht als Trennung wahrgenommen habe.

 

Die abgesparte, die abgerungene Zeit, die ich für meine Kunst hatte, konnte ich voll und ganz umsetzten. Jeder abgezogene Linol- oder Holzdruck ergaben neue Anregung für den nächsten Druckvorgang. Jedes Abbild von einem Druck war Zeuge meiner Vorstellung von einem Bild.

 

Und jedes Abbild eines Druckes erzeugte neue Vorstellungen von neuen Bildern. Was waren das für seltsame Tage als die Welt sich für mich änderte, ohne dass ich es bemerkte. Erfahren habe ich es erst viele Jahre später. Und jetzt schaue ich wehmütig danach zurück.

 

Das übereinander Drucken bewirkte einen Zustand höchster Erregung. Und die Sucht nach dieser Erregung wollte fortwährend gestillt werden. Beim Arbeiten kam ich mit meinen neu zu druckenden Bildern und mit meinen neu zu schneidenden Linol- und Holzplatten nicht nach. Und das war gut so. Das Euphorische beeindruckt, ist aber kein guter Ratgeber.

 

Was waren das für seltsame Tage als der Rotwein aus großen Gläsern nicht anders schmeckte als aus kleineren.

 

Das Euphorische wünscht süchtig die Befriedigung. Es kontrolliert aber nicht Geist und Bauch. Die Drucke wollen begutachtet werden. Die Drucke wollen verstanden werden. Die Drucke wollen gefühlt werden. Die Drucke wollen begriffen werden. Die Drucke wollen in der Hand gehalten werden. Die Drucke wollen empfunden werden – und all das sowohl beim ersten als auch beim neunten Druckvorgang auf einem Bild.

 

Was waren das für seltsame Tage als der Wind mir noch Geschichten erzählt hat. Vor allem dann, wenn ich gar nicht so viel Zeit hatte: zwischen den Besorgungen des Tages, auf dem Fußballplatz, mit den Kindern auf den Wegen zum Atelier.

 

Das Euphorische ist schön. Aber die Bilder müssen bedingungslos gefühlt werden, um sie zu verstehen. Und erst dann – so ist es bei mir – kommt die Entscheidung wie, mit welcher Form und Farbe weiter gedruckt wird.

 

Was waren das für seltsame Tage als keine Hast, keine Eile bestand. Die Gewissheit war vorhanden und gab Ruhe. Es war eine Art von Ruhe, die einem nicht die Gewissheit nahm, dass die innere Unruhe zum künstlerische Arbeiten nicht ausblieb.

 

Das Euphorische berauscht. Die notwendigen Dinge danach halten mich zurück, um nicht sofort weiter zu arbeiten.

 

Was waren das für seltsame Tage als die innere Unruhe das künstlerische Arbeiten vorantrieb, ohne dass die Ruhe der Gewissheit der entstehenden Bilder abgeschwächt oder gar genommen wurde.

 

Das Euphorische verleitet zum hastigen Arbeiten. Die Ruhe und die Gewissheit des Arbeitens sind aber vorhanden, natürlich nicht die Gewissheiten der Ereignisse. Und neben eine Gewissheit setze ich ein Ungewissheit (frei nach O. Redon).

 

Was waren das für seltsame Tage als man den zurückgelegten Weg beschreiben konnte. Als man einen Tag beweisen konnte. Wann wurde Geübtes zur Erfahrung? Wann wurde Erfahrung zu Erkenntnis? Und bereicherte unverhofftes Erkennen unsere Wahrnehmung? Oder meine Selbsterfahrung, an denen sich Erinnerungen regten. Es ist schwer, andere davon zu überzeugen, dass man glücklich ist.

 

Die Ereignisse, wie z.B. die Unberechenbarkeit eines Druckvorganges und den daraus hervorspringenden Erkenntnischarakter, sind u.a. Zentrum meiner schöpferischen Arbeit. Aus dem Zusammenhang der sinngebenden Anfangsgedanken, des Arbeitens und der unmittelbaren Wahrnehmung der Ereignisse entwachsen Möglichkeiten des Weiterarbeitens, der Weitererfindung und der Findung von Bildern.

 

Was waren das für seltsame Tage als konzentrierte Aufmerksamkeit Geschehenes und Ungeschehenes, Gesehenes und Ungesehenes, Erfahrenes und Unerfahrenes erfasste. Und ich zog es zusammen.

 

In die Bilder setzt man Vertrauen, dass das Sichtbare verborgene Geheimnisse enthält, dass sich diese durch genaue Betrachtung sichtbar erfahren lassen. Bilder sind sichtbar gewordene Empfindungen. Sinnliche und geistige Empfindungen bekommen eine Form der Vorstellung – Bilder können aber nicht erklären, oder klären wie wir sehen und Sichtbares empfinden.

 

Was waren das für seltsame Tage als vor der letzten Oberfläche das Unmalbare war. Was zählt ist hinter der Farbe auf der Leinwand. Und es entspricht dem, was hinter den geschlossenen Augenliedern liegt. Und eigentlich ist die Leinwand recht dünn.

 

Auf der Suche nach einem eigenen Vorstellungsraum werden die Empfindungen, Gefühle, Gedanken, Perspektiven und Imaginationen in unserem Vorstellungen herausgefordert. Diese bildnerischen Denkräume sind mein Reichtum. Kunst als Verbindung zwischen Sehen und Denken und Empfinden.

 

Was waren das für seltsame Tage als die Finger spitz, Weich, rund, warm wurden. Die Sekunde, die leicht gewesen war. Ich schlief bei Dir, allerliebste Mein. Ein ungewohnter Augenblick, des Glückes Echo zu sein. Die Trägheit macht sich breit, umhüllt von der selben Stunde. So unerwartet geöffnet, weich und warm.

 

In der Kunst kann man auf Sichtbares und Unsichtbares aufmerksam machen. Und man kann diese Chance ergreifen. Ebenso kann man die Chance ergreifen, die Kunst als Rückzugsmöglichkeit zu haben. Und das Vergehen von Zeit wahrzunehmen.

 

Was waren das für seltsame Tage als die See mit den Geräuschen verschiedenster Art  in Bewegung war.

 

Wollte ich es wirklich ergründen?

 

Und was waren das für seltsame Tage als die Wälder meiner Kindheit sich in mir zu regen begannen.

 

2007

Ausstellungseröffnung

Farben für mein HeimatMuseum

Ausstellungseröffnung am Samstag, den 21.9.2019 um 18.00 Uhr

Musik: Katrina Crichton und Gudrun Schröder

 

Die Ausstellung ist weiterhin an den Sonntagen, 22.9 und 29.9.2019 jeweils von 15.00-18.00 Uhr zu sehen.